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Montag, 17. Juni 2013


VIERUNDZWANZIG

Umzug. Oder Beine-Hand-Laufen!
TAG 1.

Manchmal hilft nur die Flucht nach vorn. Manchmal muss man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Manchmal muss man tun, was einem schwerfällt, damit es schließlich wieder leichter geht. Jette ist heute ausgezogen. Spontan. Und fürs erste. Aber wie lang genau dieses 'erste' dauert, weiß sie selbst noch nicht. Es gibt noch keinen Masterplan. Es gibt nur ein Sofa, ihren Eisbären und ein paar Klamotten u persönliche Dinge. Eine brennende Kerze und ihre Tabletten. Es gibt seit heute das Ersatz-Zuhause in der vergrößerten Wohnung ihrer Schwester. Weil sie aus ihrem eigenen ausgezogen ist. Ihrem mühsam erkämpften, das sie grad einfach nur noch unglaublich leiden lässt. Weil dort wieder passiert, was immer passiert. Weil sie zusehen muss, wie wieder jemand, den sie wollen würde, jemand anderes will. Weil sie wieder nicht mitspielen darf. Weil ihr fragiles Kartenhaus dadurch längst wieder so ins Wanken geraten ist, dass sie sich jetzt ganz schnell selbst retten muss. Sie geht, schickt sich selbst auf Kur. Um hoffentlich ein weiteres mal der Klinik zu entgehen. Jette hat hier ihre Privatanstalt. Die kleinen Mäuse ihrer Schwester tun ihr gut und das Herz tut nur kurz ein kleines bisschen dolle weh. Aber das ist schließlich sein gutes Recht. Also weiter die Beine in die Hand und laufen, einfach laufen. Und trotzdem zur Ruhe kommen. Und auf einen besseren Lauf nach der Ruhe hoffen.

Sonntag, 16. Juni 2013

DREIUNDZWANZIG.

Tropf, tropf. Tropf. Tropf. Brutus hat sich festgebissen. Tropf. Das Gedankenmonster beherrscht Jette wieder vollständig. Tropf. Keiner da. Tropf. Ganz allein auf dieser verdammten Welt. Tropf.
Tabletten wieder erhöhen? Bringt auch nix. Das ist wie Probleme wegtrinken. Sie sind trotzdem noch da, auch wenn man den Schmerz darüber vielleicht vorübergehend betäuben kann. Tropf. Das war's dann wohl, mit den "guten Monaten". Nicht ganz 4 an der Zahl. Und dann ist sie wieder da, die Depression? Dann ist wieder alles so sinnlos, alles so leer? Tropf. Es soll aufhören. Dieses Ausgeschlossen-Sein. Aber Jette darf einfach nicht mitfahren im Welt-Leben-Karussell. Eine Runde, dann ab! Los! Wieder raus mit dir! Tropf. Wer und was heilender Balsam sein können, hat sie gesehen die letzte Zeit über. Aber sie darf das einfach nicht behalten. Tropf. Kann sich einfach nicht erklären. Kriegt einfach nicht, was sie braucht.

Dienstag, 11. Juni 2013


ZWEIUNDZWANZIG.

Brutus. Und Gummibären. Oder Rücklichter von hinten.

Er ist super. Brutus. Auf ihn ist immer Verlass. Er verlässt einen nie. Kommt früher oder später immer wieder zurück. Wie ein Bumerang. Brutus ist fordernd. Momentan zieht er sich alles an Energie, was er bekommen kann. Und Jette steht kurz vor dem Zusammenbruch. Es ist nicht vorbei. Es ist noch nicht vorbei, vielleicht wird es nie vorbei sein. Vergessen wir das mit dem "Kurve kriegen". Sie ist längst rausgeflogen. Mit ordentlichen Brüchen und Prellungen und Schmerzen und Wunden und dann Narben. Alles wieder kaputt.
Und dann, als das Monster Brutus mit den süßen (Gummi) Bären besänftigt werden sollte, kommt es noch schlimmer.
Dann weiß Jette endlich, dass ihr Gefühl sie mal wieder nicht getäuscht hat. Sie hat gewusst, das wird nix.
Wieder nix.
Mit der Liebe und mit ihr.
Und dann ist sie froh, dass sie schon vor ein paar Tagen gedanklich aufgegeben hat.
Dass die Depression sie schon die letzten Tage wieder heulen lassen hat.
Dass die Depression sie schon die letzten Stunden heulen lassen hat.
Denn das verhindert grad den ganz großen Schmerz.
Aber der wird schon noch kommen.
Denn auf den ist schließlich auch Verlass.
Aber was soll man schon falsch verstehen, an Wein und Äpfeln und einem Messer auf dem Weg zu wem auch immer?
Dieser Zug ist sowas von weg. Tja, manchmal verliert man und manchmal gewinnen die anderen. So bleibt das wohl. Und solang man die Rücklichter von hinten sieht, hat man vielleicht noch nicht begriffen.
Aber wie Brutus und Schmerz kommt auch die Erkenntnis immer wieder zurück.

Montag, 10. Juni 2013



EINUNDZWANZIG.

Entscheidung. Oder "And if you're still bleeding you're the lucky ones. Cause most of our feelings they are dead and they are gone."

Jette wäre gern ein Stein. Denn es tut so weh, kein Stein zu sein. Am Wochenende ist sie gefallen, die Entscheidung. Jette braucht Pläne, braucht Orientierung, braucht Konzepte, braucht Konstrukte. Braucht Leit(/d)fäden, braucht Struktur.
Die Entscheidung: sie wird aufgeben, wird gehen lassen. Wird loslassen, woran ihr Herz hängt seit einigen Wochen. Weil es nicht anders geht. Also es geht nicht anders, als sein Herz an so einen warmen Menschen zu hängen. Aber es geht auch nicht anders, als diesen ziehen zu lassen. Weil die Umstände nicht passen. Mal abgesehen davon, dass Jette nicht mal weiß, wie es denn mit der gegnerischen Gefühlslage aussieht. Aber was spielt das schon für eine Rolle, wenn man schon im Voraus die Zeichen deuten kann. Wenn man schon sieht, welche Hindernisse bestehen, von denen man später sagen und bereuen wird, dass man sie nicht von Anfang an als unüberwindbar erkannt hat. Sich fragen wird, warum man so blind war. Sich fragen wird, warum man es dies mal nicht besser wusste. Nicht besser gemacht hat. Nicht besser hinbekam.
Wie gern sie würde. Aber sie kann nicht. Kann einfach nicht. Nicht aussprechen, wie es um sie steht. Nicht das Risiko eingehen. Denn kann nicht verkraften, wieder enttäuscht zu werden. Sich selbst zu enttäuschen.
Und selbst wenn, Jette erträgt sich kaum selbst. Mal mehr, in letzter Zeit eher weniger. Schlägt um sich, wenn sie verletzt ist. Das kann man niemandem zumuten. Kann nicht erwarten, dass das jemand auf sich nimmt.
Und selbst wenn, Jette ist viel zu wacklig auf den Beinen. Ruht nicht in sich selbst, würde sich zu 200 Prozent verausgaben. Wäre wieder nichts, wäre sie wieder allein. Und das kann und darf sie nicht mehr. "Nichts sein" ohne den anderen. Man muss auch nur mit sich allein noch jemand sein.
Und selbst wenn, es gäbe keinen Platz. Zwei Lebenswelten, die kollidierten.

Es ist die einzige Möglichkeit. Bewusst und freiwillig loslassen. Denn alles andere würde noch mehr schmerzen. Die völlig illusionsfreie, harte, entmystifizierte Realität. Die Hoffnung, die sich wieder zerschlagen würde.
Es ist die einzige Möglichkeit, mit noch halbwegs wenig Schaden irgendwie den ganz ganz tiefen Abgrund zu umschiffen.
Wäre Jette nur ein Stein, täte es wohl nicht so weh.

Freitag, 7. Juni 2013


ZWANZIG.

Übervoll. Oder Der Kampf gegen die Biester in sich selbst.

Emotionale Massenkarambolage. Die volle Bandbreite des Gefühls-Repertoires, das ein menschliches Wesen so zu bieten hat in ebenso voller Dröhnung wild durcheinander. Wumm, wumm, wumm, krawumm. Bumm.
Jette kämpft. Den scheinbar nie endenden Kampf mit dem momentan so erstarkten Brutus. Hängt am seidenen Faden. Wurde im seidenen Spinnennetz längst wieder eingewebt. Dreht und wendet sich, um den Kopf noch irgendwie aus der Seidenschlinge zu ziehen. Diese Hilflosigkeit überwinden. Irgendwas im Griff haben. Dinge auf die Reihe kriegen. Nur nicht im Bett liegen bleiben, nur nicht verschanzen, nur nicht vom Gedankenmonster auffressen lassen.
Jette setzt einen stillen Notruf ab. Er wird erhört, ihre Schwester steht vor der Tür. Von wegen, die beiden hätten nichts gemeinsam. So ein Quatsch. Wie man ihnen das über Jahre hinweg nur so erfolgreich einreden hatte können. Das letzte und nächste Stück Familie, das irgendwie noch einigermaßen übrig ist. Aber auch hier zieht es sich in Jette zusammen. Sie wird Beobachterin ähnlicher Kämpfe, die auch sie in der Vergangenheit ausgefochten hat. Wird Beobachterin ähnlicher Schmerzen, ähnlicher Narben. Immer wieder Wiederholung.
Was tut man, wenn man als ansatzweise so zu bezeichnendes Ding namens Fundament nur sich selbst hat? Während man doch aber immer noch ein überwiegender Scherbenhaufen ist.
Was tut man, wenn die Biester in den anderen, die einen selbst kaputt gemacht haben, nun im Ich wohnen? Wüten, kratzen, beißen, brüllen?
Was soll schon daraus werden, wenn man ständig sich selbst bekämpfen muss? Nur die dunklen Geister nicht die Überhand gewinnen lassen.
Was tut man, wenn man sein Herz so sehr an jemanden hängt, dass es wehtut?
Was tun denn all die anderen, dass es bei ihnen so anders läuft?
Haben die keine Biester?
Was tun sie, dass sie ankommen? Wenigstens zwischenzeitlich einmal?
Was tun sie, dass die Schwermut und Einsamkeit sie nicht ertränken?
Was tut man, wenn sich der bedrohlich tickende Sekundenzeigertaktschlag verdoppelt? Wenn die Zeit rast? Wenn man mit jedem Atemzug weiß, dass das Loslassenundgehenlassenmüssen näher und näher und immer näher kommt?
Was tut man, wenn man nicht von dannen ziehen lassen will, was einem lieb geworden ist?
Wenn man keine Kraft hat, für einen dritten tränenverregneten Sommer in Folge?